Wir für Dessau-Roßlau
01.10.2003 Viel erhofft, geplant, beteiligt, gebaut, verändert. Die Umgestaltung der Zerbster Straße beschäftigt auch heute viele Menschen und erregt die Gemüter. Die Alternative Fraktion macht sich auch Gedanken um unser Stadtzentrum.
Am 21.10.1999 hat der Stadtrat mit großer Mehrheit beschlossen, den Bereich der Zerbster Straße grundlegend umzugestalten. Dem Beschluss lagen folgende Überlegungen zu Grunde: Der Platz sollte ein Platz für alle Dessauer sein, die sich hier heimisch fühlen sollen, somit sollte ein neuer Identifikationspunkt entstehen.
Dazu sollte die Zerbster Straße vom Autoverkehr freigehalten werden und als Fußgängerzone zum Verweilen einladen. Der Platz sollte an seiner Ostseite ohne Grün als offener Stadtplatz gestaltet werden. Um eine gute Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu sichern, sollte eine Busspur über den Platz führen.
Diese grundlegenden Ziele sind mit der jetzt realisierten Planung des Planungsbüro umgesetzt worden. Keine Mehrheit fand eine vom Planungsbüro ASP vorgeschlagene Kunstmeile am östlichen Rand des Platzes. Hingegen wurde am 11.04.2001 beschlossen, im Rahmen einer umfassenden Kinderbeteiligung in einem Künstlerworkshop Spielkunst- Elemente zu entwickeln und in den Platz einzubetten.
Nach der Fertigstellung des Platzes zeigte sich, dass die realisierte Planung den Ansprüchen unterschiedlichster Gruppen der Dessauer Bevölkerung offensichtlich nur unzureichend genügt.
Kritikpunkte gibt es viele: Nachdem die ehemals vorhandenen Bäume gerodet wurden, wird nun der steinerne Platz beklagt, hier sollen jetzt Bäume in Pflanzenkübeln eine optische Verbesserung bringen. Die Ausleuchtung des Platzes bei Nacht sei unzureichend, wogegen der Planer in der Fachzeitschrift »Stadt und Raum«, April 2003 das präzise Lichtkonzept lobt. Ein Teil der ansässigen Händler fordert die Aufhebung der Fußgängerzone, weil dadurch eine Erhöhung der Umsätze erhofft wird. Der Hauptvermieter DWG weist jedoch nach, dass für die Läden jederzeit eine gute Nachfrage besteht und es keine Vermietungsschwierigkeiten gibt. Die Alternative Fraktion begrüßt, dass eine übergroße Mehrheit des Bauausschusse eine Öffnung der Zerbster Straße für den Autoverkehr und die Einrichtung von Stellplätzen abgelehnt hat. Wir denken, dass es richtig ist, dem Prozess der Stabilisierung der Fußgängerzone noch einige Jahre Zeit zu lassen. Akzeptiert wird die Großzügigkeit des Platzes. Sie ermöglicht, dass das von der City-Gemeinschaft vorgeschlagene Marktmanagement mit Unterstützung der Stadt unterschiedlichste, wirklich einprägsame und nachhaltig wirkende Veranstaltungen auf einer offenen Stadtbühne organisieren kann und damit insgesamt zur Innenstadtbelebung beiträgt. Entgegen Klagen mancher Händler hat sich die Gastronomie im Bereich der Zerbster Straße sehr positiv entwickelt und belebt im Sommer den Platz. Die ersten Spielkunstobjekte sind montiert und werden von den Kindern gut angenommen. Der ebenfalls vorgeschlagene Bau eines kleinen Trampolins an der Straßenzufahrt Böhmische Straße wird jedoch von den Anwohnern und Händlern konsequent abgelehnt. Peinlich finden wir die Tatsache, dass die Mehrheit des Stadtrates sich nicht dazu durchringen konnte, den eingeschlagenen Weg der Kinderbeteiligung und der Verantwortungsübergabe an die Kinder konsequent zu Ende zu gehen. Durch den Stopp des Trampolinbaus, der im Rahmen der Kinderbeteiligung von über 500 Kindern explizit gewünscht wurde, wird eine aus unserer Sicht wichtige Attraktion des Stadtplatzes verschmäht und Potential verschenkt. Es wäre besser gewesen, wenn sich die Kritiker des Trampolins im Vorfeld an den Jurysitzungen und Beratungen beteiligt hätten, um bei den Kindern keine falschen Erwartungshaltungen zu nähren. Leider hat an den Beratungen der Kinderjury von den Stadträten nur Herr Giese-Rehm von der Alternativen Fraktion teilgenommen. Die mit Sicherheitsargumenten ummantelte Ablehnung spielender Kinder wie die Unterbindung des Skatens in der Zerbster Straße ist Ausdruck einer paradoxen Situation: Einerseits wird der tote Platz beklagt, andererseits werden diejenigen, die ihn beleben, beschränkt und verdrängt. Die Zerbster Straße – ein Platz für alle Dessauer? Kinder und Jugendliche tun andere Sachen als Erwachsene und Entscheidungsträger, haben andere Ansprüche als Händler und sie machen vielleicht auch Krach. Hier drängt sich allerdings der Vergleich mit früheren Zustände in der Zerbster Straße auf: durch den Autoverkehr verursachte Lärmbelastung und Luftverschmutzung.
Damit dies einmal unser aller Platz wird, ist von allen etwas mehr Gelassenheit, Großzügigkeit und Toleranz gefragt. Das von der Verwaltung geplante kurzfristige Herumdoktern an einzelnen Problemen wird die Situation eher verschlimmbessern.
Dr. Holger Schmidt